Die Sprache der Flaschen

Freitag, 25. Oktober 2019

Die Sprache der Flaschen

Weinflaschen sind wie T-Shirts: Eyecatcher und frecher Spruch prangen gut sichtbar vorne. Materialangabe und Pflegehinweise hingegen sind versteckt. Wobei sich die verpflichtenden Hinweise am Weinetikett deutlich öft er ändern als Waschanleitungen.
Allein mit dem Jahrgang 2017 kommen durch den Zusatz „Ried“ vor Lagennamen und der ersten der neuen Sekt-Bezeichnungen „Klassik“ („Reserve“ und „Große Reserve“ folgen) wieder zwei Updates dazu. Auch semantisch wurde die Etikett enlandschaft bereinigt. So hat man bei Perl- oder Schaumweinen, denen Kohlensäure zugesetzt wurde, den Landeszusatz gestrichen. Nicht unwitziger O-Ton der Verordnung: „Man könnte meinen, dass nur die zugesetzte Kohlensäure aus Österreich komme.“

Was wo am Etikett stehen darf, regeln EU-Weinrecht und das Österreichische Weingesetz sehr genau. Für diesen beschränkten Platz hat die Bundeskellereiinspektion eine lange Anleitung vorbereitet: 87 Seiten umfassen die offiziellen Richtlinien, die allerdings von Most und Ribiselwein bis zum Sekt alle Eventualitäten vergorener Fruchtgetränke behandeln. Es gibt Pflichtangaben, die der Käufer auf einen Blick (also zusammengefasst auf einer 180-Grad-Hälfte der Flasche) ablesen können muss. Dazu gehören der Begriff Wein, Österreich als Herkunftsland, die Abfüllmenge, der Abfüller, Alkohol- und Zuckergehalt (z. B.: „trocken“). Chargennummer und Allergene müssen auch am Etikett ein, aber nicht zwingend im gleichen Sichtfeld.
Bei den zusätzlichen Angaben ist der Winzer relativ frei, bis auf die Liste der Verbote. Die Bezeichnung „extra trocken“ zum Beispiel ist nicht erlaubt, es dürfen nicht mehrere Jahrgänge angegeben werden und irreführende Angaben sind untersagt. Gleichzeitig toben sich Gestalter auf den Etiketten immer mehr aus. Die Bandbreite reicht von monochrom bis dschungelig-bunt. Auch kaum ein heimischer Design-Wett bewerb kommt mitt erweile ohne eine Auszeichnung für kreative Weinbeschriftung aus. Dem Wunsch nach Individualisierung folgt eben nicht nur die Mode.

Text: Hans Pleininger