Asamer & Leibl-Bürger

Die Autoren des Erinnerungsbuches „Schnee von gestern“ sprechen im Wiener Kongressbad am Beckenrand über die Angst vor dem Fünf-Meter-Brett, das Essen im Flugzeug und eine neue Reparaturkultur.
 
Friederike Leibl-Bürger: Wo früher der Sprungtum war, ist jetzt eine Rutsche.
 
Florian Asamer: Ich bin das erste Mal hier. Ein Schwimmbad außer Betrieb ist wie ein Skilift im Sommer.
 
Du warst doch sicher nie im Freibad. Wenn man in der Nähe eines Sees aufwächst, geht doch kein Kind ins Bad, oder?
 
Als Kind nicht, wenn man mit der Oma baden fährt. Als Jugendlicher geht man immer lieber ins Bad. Aber natürlich nicht wegen des Schwimmens.
 
Sondern wegen des Sprungturms, um den Mädchen zu imponieren.
 
Mir wäre eine Rutsche lieber gewesen. Vor Publikum vom Fünf-Meter-Brett zu springen, ist das Allerletzte. Ich hab immer umgedreht.
 
Wir saßen am Beckenrand und haben alle restlos bewundert, die sich überhaupt getraut haben, da hinaufzuklettern. Aber im Nachhinein konstruiert man natürlich einiges. Wie man sich wirklich als Jugendlicher gefühlt hat, ist in der Erwachsenenerinnerung wohl immer geschönt – oder verschlimmert.
 
Mir ist beim Schreiben unseres Buches aufgefallen, dass man immer nur die Wahl hat zwischen lachen und ein bisserl sentimental werden. Es ist schwer, neutral zurückzuschauen.
 
Die Winter waren immer kalt, und es lag sehr viel Schnee, und im Sommer war es heiß, und uns war nie langweilig. In Wahrheit war uns manchmal so fad, dass wir gar nicht mehr wussten, wie wir den Tag überstehen würden. Vor allem dann, wenn alle Freunde auf Urlaub waren.
 
Ja, die anderen waren immer gerade dann weg, wenn man selber da war. Und immer durften sie fliegen. Fliegen war früher noch eine totale Luxussache. Es war teuer, man musste lange im Voraus buchen, und das Kostbarste überhaupt waren die Reiseunterlagen. Das Theater ums Flugzeugessen, – warum müssen Erwachsene bei einem Zwei-Stunden-Flug eigentlich etwas essen? – kommt
noch aus der Zeit. Während beim Zugfahren irgendwie die Zeit stehen geblieben ist.
 
Ich freu mich immer noch, wenn bei einem Flug Essen serviert wird.
 
Es ist doch schon kaum Platz, um einigermaßen menschenwürdig zu sitzen.
 
Als Kind war es der absolute Höhepunkt, wenn die Stewardess einen fragte, was man trinken will. Und dieses Miniaturbesteck aus Metall, das hätten wir am liebsten mitgenommen. Haben das aber natürlich nie getan. Dafür die kleinen eingeschweißten Salz- und Pfeffersackerl.
 
Der Inbegriff von Luxus war die Lauda Air. Als Kind war die Vorstellung, mit Niki Lauda als Pilot im Cockpit zu fliegen, das Nonplusultra.
 
Das Wichtigste am Urlaub war für uns die Anreise mit dem Flugzeug. Und wenn es das schönste Hotel gewesen wäre – mit dem Auto hinzufahren hätte geheißen, Brote in Staniolpapier und Pausen nur, wenn man schon eine Stunde darum gebettelt hatte. Stehen zu bleiben war für Väter immer irgendwie eine Niederlage.
 
Es war aber eher die Regel, mit dem Auto nach Jesolo und nach Lignano zu fahren. Das ist sicher der größte Unterschied zum Reisen heute: Damals bestand Europa nur aus Grenzen.
Und aus Wechselstuben, an denen man schauen musste, die richtige Währung zu ergattern. Heute ist das Reisen und das Einkaufen um vieles einfacher geworden. Wenn auch deutlich weniger romantisch.

Die 2-Euro-Münze wurde sicher von Leuten mit starken Erinnerungen an einen Italien- Urlaub entworfen. Diese 500-Lire-Münzen waren doch für Kinder der Eintritt zum Glück.

Luna-Park, Spielhallen, Eis, Cocobello – mit der Münze stand das Paradies sperrangelweit offen.

SHOPPEN OHNE REUE

Was sich auch grundlegend geändert hat: Der Urlaub war für die Kernfamilie vorgesehen. Dass mehrere befreundete Familien mit Kindern gemeinsam wegfahren, war sicher die Ausnahme.

Die Vorstellung, dass mehrere befreundete Familien gemeinsam wegfahren, ist für mich der absolute Horror.

Dass eine Familie mit Kindern ohne mögliche Kinderbetreuung, und dazu zählen eben auch gemeinsame Freunde, wegfährt, ist kaum mehr üblich.

Das Problem löst es aber nicht. Man kann es sich aussuchen: Kommt man nicht zum Lesen, weil man auf die eigenen Kinder aufpasst oder weil die anderen Eltern sich dann ständig unterhalten wollen.

Dafür fliegt man dann ohne Kinder übers Wochenende in eine Stadt.

Und überall gibt es die gleichen Geschäfte. Damals war in ein anderes Land fahren gleichbedeutend mit exotischen Konsumartikeln. Aber auch sonst: Es gab ja kaum Ketten und keine Möglichkeit, online einzukaufen. Da hat man in London noch ganz anderes Zeug kaufen können als in Paris. Und Österreich war in der Beziehung überhaupt ein Entwicklungsland.

Wir hatten alle dasselbe an. Mehr oder weniger. Mich wundert es nicht, dass Jugendliche so gerne shoppen. Und darüber regt sich gerade die Generation auf, die das Shoppen als Hobby eigentlich erst erfunden hat, also wir.

Was uns, glaube ich, stört, ist, dass Einkaufen immer ein bisserl verboten war. Wenn man eingekauft hat, war das mit schlechtem Gewissen verbunden. Geld hat man besser gespart als ausgegeben. Heute darf man shoppen ohne Reue. Das muss man aber auch gelernt haben.

Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass Sparen früher auch belohnt wurde. Das Gefühl, wer weiß, was morgen ist, ist viel stärker geworden als dieser Sicherheitsgedanke damals. Man lebt mehr im Jetzt. Und wenn ich diesen Winter neue Stiefel will, dann kaufe ich sie, statt mir zu denken, die alten tun es auch noch. Oder sie zum Schuster zu bringen, um die Absätze richten zu lassen.

Ich glaube, dass das wieder zurückkommt, eine gewisse Reparaturkultur. Es gibt eine Sehnsucht nach Dingen, die bleibenden Wert haben. Echte Uhren, echte Möbel, Handwerksartikel. Die wird man nicht gleich entsorgen, wenn sie nicht mehr funktionieren.

ENTSORGEN UND AUFHEBEN

Dann hat man vielleicht eine besonders schöne Füllfeder, aber das meiste wird trotzdem getippt werden. Vielleicht ist aber das, wofür man sich die Mühe mit Tinte und Feder macht, einem dann auch besonders wichtig. Ein wenig aufgesetzt wirkt es trotzdem, so justament.

Und am Ende nimmt man doch wieder den schmierenden Billigkugelschreiber.

Das Entsorgen und Aufheben wird sich wahrscheinlich die Waage halten.

Beziehungsweise muss man weniger aufheben, weil man vieles nicht mehr materiell besitzt, sondern als Datei. Bücher, Platten, Filme, Fotos etc.

Als wir unser Buch geschrieben haben, ist mir erst aufgefallen, wie wahnsinnig eingeschränkt wir als Jugendliche waren. Aber das natürlich nicht gewusst haben, weil wir nichts von anderen Möglichkeiten wussten. Jetzt empfinden wir etwa die ständige Erreichbarkeit als Belastung. Damals haben wir uns danach gesehnt, mobil zu sein.

Wahrscheinlich ist es so einfach: Man will immer das, was man nicht hat. Also jetzt, wo die Rutsche da steht, sehnt man sich nach dem Sprungturm.


 

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