Jutta Sommerbauer

Eine Erzählung über das Bücher schreiben
Kaum hatte ich den Buchvertrag unterschrieben, bekam ich Panik. Ich saß zu Hause am Schreibtisch, vor mir Laptop und Taschenrechner, hinter mir eine Zahl im Genick.
200.000.
Ich hatte mich verpflichtet, 200.000 Zeichen über die „Ukraine im Krieg“ zu schreiben. Einen Buchtitel zu finden war nicht schwer gewesen. Aber wie um alles in der Welt sollte ich so viele Zeichen tippen?
Am Material lag es nicht: Ich war für die „Presse“ oftmals in der Ukraine gewesen, in allen Landesteilen. Ich hatte den Protest auf dem Kiewer Maidan und den Aufmarsch russischer Soldaten auf der Krim miterlebt, und ich war in der heißen Phase des Krieges in Donezk gewesen. Darüber hinaus hatte ich viele andere Geschichten aus der Konfliktregion gesammelt: leise und laute, traurige und kuriose. Ich hatte mich auch früher schon mit der Ukraine beschäftigt, als sie noch selten in den Nachrichten vorgekommen war, und wollte nun – da sie plötzlich im Zentrum einer neuen Krise zwischen Ost und West stand und täglich die Gemüter unserer Leser bewegte – von meinen Eindrücken und Erlebnissen erzählen.

FEHLER NUMMER EINS

Apropos Erlebnisse. Häufig wird mir folgende Frage gestellt: „Warst du schon in richtig gefährlichen Situationen?“ Dann hake ich nach, was „gefährlich“ bedeute. Wenn einem ein Bewaffneter entgegenkommt? Oder wenn man im Krisengebiet nicht genügend Bargeld mithat? Ist es erst gefährlich, wenn der Beschuss einsetzt? Oder, wenn der Fahrer vom Feiern am Vorabend noch verkatert ist?
Ähnlich wie im normalen Leben gibt es im Konfliktgebiet viele Arten von Risken – und noch ein paar mehr. Doch viele  Gefahren sind nicht so offensichtlich, wie viele glauben. Im Gegensatz zum als wenig aufregend geltenden Schreibtischalltag in der Redaktion schwirrt das Stereotyp des Krisenberichterstatters herum, der sich todesmutig, im Survival-Outfit und mit Notizbuch und Laptop bewaffnet, in die Gefahrenzone begibt.
Fehler Nummer eins: Im Survival-Outfit könnte man für einen Kombattanten gehalten werden.
Das Reporterdasein ist nicht so glorreich, wie manche behaupten. Man muss auf sich achten, gesund bleiben. Genug essen, genug trinken – aber möglichst keinen Alkohol, ausreichend schlafen. Auf Routinen im Ausnahmezustand kommt es an. Und auf Kollegen, mit denen man das Erlebte verarbeiten kann.
Meine Erfahrung ist, dass einen in Momenten, in denen man nicht damit rechnet, die Emotionen überwältigen. Es sind eben nicht jene Momente, in denen einen das Leid förmlich anspringt. Es sind die unerwarteten Augenblicke, in denen es still und leer wird.
Ich erlebte einen solchen Moment, als ich im Schlafzimmer eines körperbehinderten Mannes stand. Er lag im Unterhemd auf seinem Laken, hatte ein Kofferradio am Ohr, aus dem Musik plärrte und würdigte mich keines Blickes. Seine Frau umsorgte ihn, aber aus dem Bett schaffen und in Sicherheit bringen konnte sie ihn nicht. In den vergangenen Tagen waren Granaten in die umliegenden Häuser eingeschlagen. Was, wenn es wieder losginge? Niemand würde ihn in Sicherheit bringen können. Die Bestürzung über seine Hilflosigkeit traf mich wie ein Blitz.
Es waren Erlebnisse wie diese, die mich darin bestätigten, Geschichten in einem Buch dokumentieren zu wollen.
Ach ja. Schon vergessen?
Die 200.000 Zeichen.
Als österreichische Journalistin lebt man mit einem durchschnittlichen Tageshorizont von maximal 5000 Zeichen – einem Artikel wie diesem hier, der in der Zeitung ein Seitenaufmacher ist. Würde ich 40 Tage lang 5000 Zeichen schreiben, wäre das Buch fertig, rechnete ich mir aus.
Natürlich hatte ich in meinem ganzen Leben schon weit mehr als 200.000 Zeichen geschrieben, aber niemals als zusammenhängenden Text. Die eigentliche Herausforderung war die Qualität.

VERWANDLUNG ALS SCHOCK

Hierzulande ist es üblich, dass Zeitungsreportagen aufgefettet und als Buch wiederveröffentlicht werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich nur an den nicht immer luxuriösen Arbeitsbedingungen im Journalismus liegt, dass das Modell der Zweitverwertung so verbreitet ist. Kaum Auslandsreisen, keine Sabbaticals, wenig Vorschuss vom Verlag – diese Leier kennen alle im Business.
Ich glaube, es gibt noch einen weiteren Grund. Die Transition von der Tageszeitungsjournalistin zur Buchautorin ist ein Schock, eine Infragestellung des business as usual, auch der eigenen Fertigkeiten. Ein Artikel taugt noch lang nicht für ein Buch. Wer ein Buch schreibt, muss Geschichten erzählen, die einen längeren Nachhall haben.
In den USA gibt es eine ausgeprägtere Tradition des narrativen Journalismus. Die Journalistikprofessorin Lauren Kessler bezeichnet den Entstehungsprozess einer Geschichte als „crafting a story“. Anstatt wild drauflos zu schreiben, versteht sie Geschichtenerzählen als (Kunst-)Handwerk: Profis machen sich vor dem Loslegen einen Plan, suchen nach den besten Materialien und legen bei der Ausgestaltung Wert aufs Detail. Ein Zugang, der mir Vorbild war. Inwieweit ich mich ihm angenähert habe, müssen dann doch die Leser beurteilen.
Und die Angst vor den 200.000 Zeichen?
Alles unnötig. Ich schrieb viel zu viel.Der Lektor kürzte rigoros und an den richtigen Stellen.
Danke, Paul!

ZUR PERSON:
Studium der Politikwissenschaft in Wien und Huddersfield (GB). Seit 2008 Redakteurin bei der Presse, erst Chronik, danach Außenpolitik. Zahlreiche Recherchereisen nach Russland, Weißrussland, in den Südkaukasus und nach Zentralasien. Seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise immer wieder in Kiew, auf der Krim und in der Ostukraine unterwegs, auf beiden Seiten der Front. Ihre Berichte erscheinen auch in Zeit Online, Tagesspiegel und Stuttgarter Zeitung.

 

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